"China will ein grosses Deutschland sein"

Politik + Kommunikation | April 2011

Der indisch-amerikanische Autor Parag Khanna ist Experte für internationale Beziehungen. p&k hat mit ihm über moderne Diplomatie, die Macht der NGOs und Barack Obama gesprochen.

Interview with Johannes Altmeyer and Florian Renneberg

p&k: Herr Khanna, die Welt ist in Aufruhr: der Atom-Gau in Fukushima, der Umbruch in der arabischen Welt, die Krise der Euro-Zone. Der Titel Ihres neuen Buchs ist: „Wie man die Welt regiert“. Passt das zusammen?

Parag Khanna: Natürlich. Wir leben in einer turbulenten und unvorhersehbaren Welt. Mein Buch handelt davon, wie wir dieser Situation begegnen können. Es gibt Strömungen aus so vielen Bereichen, die sich gegenseitig beeinflussen, ohne dass wir die Auswirkungen kennen. Beispiel Fukushima: Ein Erdbeben führt zu einem Tsunami und kurz darauf haben wir eine Nuklearkrise. Das war unvorhersehbar, aber trotzdem müssen wir damit umgehen. Diplomatie besteht heute vor allem aus Krisenmanagement. Dabei ist sie viel wichtiger: Sie prägt unsere Weltordnung und definiert die Spielregeln.

Wer genau legt in dieser turbulenten Welt die Regeln fest?

Die Globalisierung zerstreut die Macht und verteilt sie an verschiedene Akteure. Mit dem Wirtschaftswachstum, dem Verfall der Zinsen und dem Zuwachs an globalem Handeln ist der Aufstieg multinationaler Firmen verbunden. Gleichzeitig hat eine technische Revolution stattgefunden und die Welt hat sich durch das Ende des Kalten Kriegs geöffnet.

Aber es gibt sicherlich bestimmende Akteure?

Entscheidend ist Autorität. Die basiert auf Anerkennung. Firmen gelten weltweit als wirtschaftliche Autoritäten, Universitäten sind geistige Autoritäten, die Kirche ist eine religiöse, eine moralische Autorität. Wir glauben, dass Diplomatie nur zwischen Staaten stattfindet. Aber sie beruht auf dem Umgang zwischen Autoritäten. Jeder, der als Autorität gekennzeichnet werden kann, ist ein Diplomat. Deshalb vergleiche ich die heutige Zeit mit dem Mittelalter. Das war das letzte Zeitalter vor dem Aufstieg der Nationalstaaten. Jetzt kehren wir zurück in ein Mittelalter, in dem es vielfältige Akteure gibt, zwischen denen mehr Diplomatie besteht als je zuvor.

Sie nennen das Mega-Diplomatie, den Aufstieg von Unternehmen, NGOs, großen Stiftungen …

… aber auch Verbänden, Gewerkschaften und gesellschaftlichen Akteuren; alles auf dem sub-staatlichen Level. Daran sind auch ganz kleine Akteure beteiligt.

Vor welchen Herausforderungen stehen die Nationalstaaten in dieser Mega-Diplomatie?

Das kommt auf den Staat an. Es gibt 200 Staaten, die nicht alle gleichberechtigt, nicht alle gleich kompetent und anständig sind. Viele Staaten werden nicht von ihrer Regierung gelenkt, sondern von der Gesamtheit der verschiedenen Akteure. Es gibt Beispiele, wo die Außenpolitik eines Staats aus den privaten Bemühungen der Unternehmen besteht.

Zum Beispiel?

Kanada, Brasilien und Indien sind große, wichtige Staaten, aber sie haben keinen diplomatischen Einfluss auf die Welt – jenseits dessen, was ihre privaten Firmen tun. Es ist jedem scheißegal, was Kanada sagt. Aber ein Technologieunternehmen wie Research in Motion hat Einfluss. Der frühere brasilianische Präsident Lula mag ein cooler Typ gewesen sein, aber was ein Bergbauunternehmen wie Vale sagt, zählt. Große Unternehmen wie Tata, Mahindra und Infosys sind die indische Außenpolitik.

Wie ordnen Sie Deutschland in diesem wirtschaftspolitischen Kontext ein?

Ich glaube, dass Deutschland ein sehr erfolgreiches Staatsmodell ist. Es ist ein industrialisierter, moderner Wohlfahrtsstaat mit einem starken Privatsektor, der in der Regierung mitmischt. Deutschland ist der erfolgreichste Staat in Europa und vielleicht das künftige Exportmodell. Ökonomen reden oft vom China-Modell, aber China will eigentlich ein großes Deutschland sein: modern, industrialisiert, weniger ungleich. Viele reden davon, dass die USA und China die Welt bestimmen. Das ist eine Anti-Achse, die stimmen in gar nichts überein. Aber China lernt vom deutschen und vom europäischen Modell.

Die Europäische Union steht derzeit selbst vor großen Herausforderungen. Könnte die EU aufgrund ihrer Uneinigkeit scheitern?

Die EU hat Stärken und Schwächen, aber es geht in die richtige Richtung. In den 90er Jahren hieß es, die EU könne verbreitert oder vertieft werden. Es gab immer diesen Gegensatz. Aber beides ist passiert – unwiderruflich. Ich als Nicht-Europäer finde das gut.

Ist es für die Diplomatie hinderlich, dass die EU nicht mit einer Stimme spricht?

Je mehr Mitglieder es gibt, desto schwieriger wird es, mit einer Stimme zu sprechen. Das ist auch nicht zwingend notwendig. Es gibt Fälle, in denen interne Koalitionen funktionieren: Im Mittelmeerraum spielen Frankreich und Spanien eine wichtige Rolle, wenn es um Russland geht, sind die Deutschen stärker involviert.

Der ehemalige amerikanische Außenminister Henry Kissinger hat eine gemeinsame europäische Telefonnummer gefordert. Ist die mittlerweile überflüssig?

Kissinger hat das in einem Zeitalter reiner Nationalstaaten geschrieben. Das Modell hat Europa schon lange überschritten. Interne Koalitionen sind nicht immer effizient – aber es ist nicht das einzige Modell der Außenpolitik, immer gemeinsam zu handeln.

Sie schreiben in ihrem Buch, dass NGOs die Regierungen bei Themen wie Klimawandel und Menschenrechten in die richtige Richtung schieben. Glauben Sie, dass Kanzlerin Angela Merkel dem zustimmen würde?

Armutsbekämpfung und Klimawandel sind durch Wissenschaftler, Lobbyisten und NGOs auf die globale Agenda gekommen. Die Regierungen haben das nur widerwillig angesprochen. Die Staats- und Regierungschefs können ewig Gipfel in schönen Städten an tollen Stränden veranstalten: Kyoto, Bali, Kopenhagen, Cancun – aber es wird nie ein universelles Klima-Abkommen zwischen den Staaten geben. Es wird aber immer Unternehmen geben, die das Thema vorantreiben, weil sie Umwelttechnik verkaufen wollen. Es wird NGOs geben, die dafür kämpfen und private Akteure, die das subventionieren. Die Mega-Diplomatie schließt Staaten nicht aus – aber sie alleine haben nicht die Ressourcen, um alle Probleme zu lösen.

Welche Rolle spielen dabei philanthropische Unternehmer wie Warren Buffett, George Soros oder Bill Gates?

Es gibt ein Versorgungs- und Machtvakuum, das diese Akteure füllen. Diese Konkurrenz ist wichtig: Früher sind NGOs zu den staatlichen Entwicklungsbehörden und Ministerien gegangen und mussten tausend Fragebögen ausfüllen, um Geld aufzutreiben. Private Investoren geben ihnen nicht nur Geld, sondern vermitteln auch private Partnerschaften. Das ist schneller, effizienter und besser. So können die NGOs eine eigene Agenda verfolgen.

Die Gates-Stiftung hat ein Budget von drei Milliarden US-Dollar und ein Kapital von fast 70 Milliarden US-Dollar. Das sind beeindruckende Summen…

Das ist gar nicht so beeindruckend.

Für eine Stiftung?

Das ist die neue Normalität.

Verstehen Sie trotzdem die Kritik, dass bei diesen Stiftungen die staatliche Kontrolle fehlt?

Nein. Wenn eine Regierung die Kontrolle haben soll, muss sie auch der anständigste Akteur sein. Viele Regierungen sind nicht demokratisch legitimiert. Den Stiftungen wird vorgeworfen, sich in den Ländern einzurichten und die Ressourcen zu plündern – in den meisten Fällen tun sie das nicht. Die Stiftungen haben keine Armeen. Sie sind nur dort, wo sie eingeladen werden. Das halte ich für legitim.

Während Barack Obama erster Präsidentschaftskampagne waren Sie einer seiner außenpolitischen Berater. Er ist mit dem Ziel angetreten, die Welt zu verändern. Hat Obama das geschafft?

Nein, aber das war auch nicht zu erwarten. Ich war während der Kampagne einer der wenigen, die nicht jedes Mal Tränen in den Augen hatten, wenn Obama den Raum betreten hat. Er ist eine charismatische Figur, aber ich glaube nicht, dass ein Politiker in diesen turbulenten Zeiten durch eine Wahl die Welt beruhigen kann. Ich bin froh, dass Obama gewählt wurde, aber das hat nichts an dem Prozess des amerikanischen Abstiegs geändert.

Ist es von Vorteil, dass mit Obama ein Politiker diesen Abstieg verwaltet, der nicht in Schwarz-Weiss-Kategorien denkt?

Obama ist der erste Präsident, der das Amt mit einem intuitiven Verständnis der multipolaren Welt übernommen hat und dem Bedürfnis, mit anderen zusammen zu arbeiten. Er weiß, dass die USA nicht die nötigen Ressourcen haben, um die Welt zu regieren.

Welche Rolle spielen die USA noch in der Weltpolitik?

Die USA reagieren hauptsächlich. Bei einigen Projekten spielen sie mit, bei anderen klinken sie sich aus. Unter Obama hat sich die Rhetorik um 180 Grad gedreht, Multilateralismus spielt mittlerweile eine große Rolle. Aber in Wirklichkeit ist es ein á-la-carte-Multilateralismus. Die USA verbünden sich, mit wem sie gerade können. Es gibt keine feste Doktrin, es herrscht Ad-hoc-Politik.

Sie haben in verschiedenen Ländern und Kontinenten gelebt. Gibt es für sie ein zu Hause oder eine Heimat?

Mein zu Hause ist New York; dort wo der Kleiderschrank ist. Als Heimat wäre ein für mich ausgestatteter Airbus A380 ideal, da ich 90 Prozent der Zeit nicht in New York bin.

Auf ihrer Facebook-Seite haben wir ihr Lieblingszitat gefunden: „Was nicht tötet, härtet ab“ von Schopenhauer. Müssen wir daraus auf eine pessimistische Weltsicht schließen?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe kein so hartes Leben geführt, aber der Spruch gefällt mir und er ist ein gutes Beispiel für die Knappheit und die Präzision der deutschen Sprache. Wenn ich Freunde trösten muss, wende ich das Zitat gerne an.

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